
Trauer hat viele Gesichter – und braucht Verständnis

Mehr als 70 Menschen kamen am Samstag zum zweiten Thementag Trauer. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie unterschiedlich Menschen trauern – geprägt von Kultur, Religion und persönlicher Lebensgeschichte.
Der Himmel meinte es gut mit dem zweiten Thementag Trauer. Blauer Himmel und leichte Wolken begleiteten die Teilnehmenden auf dem Mülheimer
Kirchenhügel. Unter dem Motto „Verlust hat viele Gesichter – Trauer gestalten“ ging es um ein Thema, das alle Menschen betrifft und doch von jedem Menschen anders erlebt wird.
Einen sehr persönlichen Akzent setzte gleich zu Beginn die Mülheimer Sozialdezernentin Dr. Daniela Grobe. In ihrem Grußwort machte sie deutlich, wie wichtig es gerade in einer vielfältigen Stadtgesellschaft ist, unterschiedliche kulturelle und religiöse Vorstellungen von Trauer wahrzunehmen und ihnen mit Respekt zu begegnen. Besonders eindrücklich wurde es, als sie von der Beerdigung ihrer eigenen Mutter erzählte. Damit bekam das Thema des Tages schon zu Beginn eine persönliche Dimension: Trauer ist kein abstraktes Thema, sie berührt das eigene Leben.
Wie unterschiedlich Menschen Abschied, Verlust und Trauer verstehen und gestalten, zeigte anschließend Karin Scheer vom Universitätsklinikum Essen. In ihrem Impulsvortrag zur kultursensiblen Trauerarbeit ließ sie anhand kurzer Videosequenzen auch Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Prägungen selbst zu Wort kommen. Dabei wurde deutlich: Es gibt nicht den einen richtigen Umgang mit Trauer. Was einem Menschen Trost gibt, kann einem anderen fremd sein. Trauernde zu begleiten – ob beruflich, als Nachbar oder Freund – bedeutet deshalb auch, offen zu sein für das, was man selbst nicht kennt.
Wie konkret das werden kann, zeigte sich in den Workshops. Beim Thema „Trauer im Islam – aus Sicht eines muslimischen Krankenhausseelsorgers“ lernten die Teilnehmenden muslimische Rituale und Traditionen rund um Sterben, Tod und Beisetzung kennen. Das Interesse war groß – gerade auch an dem, was vielen bislang weniger vertraut war.
Ganz anders der Workshop „Trauer kreativ begegnen – erinnern, fühlen, gestalten“: Mit unterschiedlichen Materialien konnten die Teilnehmenden ihrer eigenen Trauer eine Form geben. Eine Teilnehmerin zeigte sich anschließend beeindruckt, dass innerhalb so kurzer Zeit ein kleines Kunstwerk entstehen konnte, das etwas von der eigenen, ganz individuellen Trauer ausdrückt.
Und dann gab es noch jene, die sich auf den Weg machten. „Trauer geht Wege …“ führte eine Gruppe über den Mülheimer Altstadtfriedhof. Im gemeinsamen Gehen kamen die Menschen über eigene Verluste und persönliche Trauergeschichten miteinander ins Gespräch. Der Friedhof wurde dabei nicht nur zu einem Ort der Erinnerung, sondern auch zu einem Ort der Begegnung.

Auch in der Mittagspause blieb das Thema Trauer auf unterschiedliche Weise präsent. Auf dem Kirchplatz informierten Partner des TRAUERNETZMÜLHEIM
über ihre Angebote. In der Petrikirche konnten Menschen beim „Segen to go“ einen persönlichen Segen empfangen.
Nur wenige Schritte entfernt erwartete die Besucherinnen und Besucher in der Kirche St. Mariä Geburt ein ganz anderer Zugang zur Trauer: die Ausstellung „Trauertattoos“ des Hospizdienstes der Caritas Wuppertal. Die von der Caritas-Stiftung und der Deutschen Fernsehlotterie geförderte Ausstellung zeigt Fotografien von Tätowierungen, mit denen Menschen ihrer Trauer einen sichtbaren Ausdruck gegeben haben. Hinter jedem Motiv steht die Geschichte eines Menschen, der fehlt – und einer Erinnerung, die bleiben soll.
Wie persönlich diese Erinnerungen sind, zeigt eines der ausgestellten Tattoos besonders eindrücklich: In wenigen Linien sind ein Vater und sein Kind zu sehen, die sich an der Hand halten. Daneben ein kleines rotes Herz. Darunter steht „Papa“ – in Eine kleine, vertraute Geste aus dem gemeinsamen Leben ist so zu einem bleibenden Zeichen der Verbundenheit geworden.
Es sind Geschichten wie diese, die die Ausstellung im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut gehen lassen. Viele Besucherinnen und Besucher blieben vor den Bildern stehen, lasen die Geschichten dahinter und ließen sie auf sich wirken. Ruhige, hoffnungsvolle Musik erfüllte den Kirchenraum. Wer über das Gesehene und die Gedanken, die dabei aufkamen, sprechen wollte, fand hier auch ein offenes Ohr. So wurde die Ausstellung zu einem Raum, in dem Trauer einfach da sein durfte.
Und am Ende dieses Tages, an dem so viel von Verlust, Abschied und Tod die Rede gewesen war, erklang in der Petrikirche ein Lied, das den Blick noch einmal in eine andere Richtung lenkte: Gemeinsam sangen die Teilnehmenden Louis Armstrongs
„What a Wonderful World“.
Das war kein Versuch, die Trauer mit einer schnellen Hoffnung zu überdecken. Vielmehr öffnete das Lied den Blick auf das Schöne, das neben dem Schweren bestehen bleibt, auf das Leben, das trotz Verlust weitergeht, und auf die Hoffnung, die auch in der Trauer ihren Platz haben darf.
So endete der zweite Thementag Trauer nicht mit einer Antwort darauf, wie Menschen
„richtig“ trauern. Vielleicht lag gerade darin seine Stärke: Er machte sichtbar, wie viele Gesichter Trauer haben kann – und wie viel entstehen kann, wenn Menschen einander mit Offenheit und Respekt begegnen.
Berthold Boenig


Verlust hat viele Gesichter - Trauer gestalten
Der zweite Thementag Trauer lädt dazu ein, unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen und besonders den interkulturellen Blick auf Trauer zu vertiefen. Trauer verläuft nie gleich: jede Biografie, jede Beziehung und jeder kulturelle Hintergrund prägen, wie Menschen Abschied und Verlust erleben.
Fachliche Impulse, Workshops und Austauschmöglichkeiten eröffnen neue Zugänge zum Thema und geben Anregungen für den persönlichen und beruflichen Umgang mit Trauernden. Eingeladen sind Betroffene, Angehörige sowie alle Interessierten und Fachkräfte.
Programm:
09.30 Uhr Zeit zum Ankommen in der Petrikirche
10.00 Uhr Begrüßung und Vorstellung des Tages / Grußwort Dr. Daniela Grobe (Dezernentin,
Dezernat V der Stadt Mülheim)
10.15 Uhr Impulsvortrag „Kultursensible Trauerarbeit“
11.15 Uhr 1. Runde Themengruppen
12.30 Uhr Mittagspause mit Imbiss und Markt der Möglichkeiten
Zusätzliche Angebote:
Petrikirche: „Segen to go“ – Momente des Innehaltens mit persönlichem Zuspruch
St. Mariae Geburt: „Trauer-Tattoos“ – Ausstellung über Erinnerung und Verbundenheit
14.15 Uhr 2. Runde Themengruppen
15.30 Uhr Schlussworte und musikalische Verabschiedung
16.00 Uhr Ende des Thementages
Aufgrund der begrenzten Teilnehmendenzahl bei den Workshops empfehlen wir eine baldige Anmeldung unter:
www.die-wolfsburg.de – Tagungs-Nr. A26132
Für die Teilnahme wird eine Gebühr von 10 Euro erhoben. 
Der Anmeldeschluss ist Freitag, der 21. August 2026.
